Stendal und die Hanse.
(E. Wollesen-Zeitz).
Stendal, die Hauptstadt der Altmark, ist durch seine herrlichen mittelalterlichen Bauwerke weit und breit bekannt; sicher auf ihren Fundamenten ruhend, erheben sie sich kühn in die Lüfte. Wie sie bisher allen Stürmen der Zeiten Widerstand geleistet haben, so werden sie es gewiß auch fernerhin tun. Diese herrlichen Bauwerke weisen in die glänzendste Zeit der Geschichte Stendals zurück, in die Hansezeit. --- Stendal besitzt aus neuerer Zeit gleichfalls ein bedeutsames Denkmal, freilich nicht aus Stein und Erz, sondern aus Schriftzeichen und Schriftzügen: Die urkundliche Geschichte der Stadt Stendal, von dem ehemaligen Gymnasial-Oberlehrer Dr. Ludwig Götze im Jahre 1873 herausgegeben. Auf sicherem urkundlichen Fundament ruhend, können Stürme der Kritik ihm nichts schaden. Wie jene mittelalterlichen Bauwerke, so weist auch dieses literarische Denkmal auf Stendals Hansezeit zurück; mit der dem Verfasser eigenen bewundernswerten Gründlichkeit hat er auch diese Zeit behandelt. Wenn trotzdem im folgenden das Thema „Stendal und die Hanse" noch einmal bearbeitet werden soll, so gaben mancherlei gewichtige Gründe die Veranlassung dazu: Wenn wirklich die Hansezeit Stendals die glanzvollste Zeit der Stadt bedeutet, dann verdient sie wohl eine besondere Behandlung. Seit dem Erscheinen der „Urkundlichen Geschichte der Stadt Stendal" ist mit der Herausgabe der Hanserezesse mancherlei urkundliches Material über die Geschichte der Hanse an das Licht gebracht worden, das hier benutzt werden konnte. Ein besonderer Anlaß aber zu dieser Veröffentlichung war die Nachricht, daß der Verein für hansische Geschichte die schöne Absicht hat, seine diesmalige Jahrestagung in der ehemaligen Hansestadt Stendal zu halten. --- Es war unmöglich, die ganze Fülle des vorhandenen Materials zu bearbeiten; nur das Wichtigste ist dazu ausgewählt. Außer dem Werke von Dr. Ludwig Götze ist bei dieser Arbeit die folgende Literatur benutzt worden:
1. Hansisches Urkundenbuch, Band I bis VIII (975---1463),
- Hanserezesse, 1. bis 3. Abteilung (1256---1530),
- Hansische Geschichtsblätter (verschiedene Jahrgänge),
- Erich Eschebach, Die Beziehungen der niedersächsischen Städte (zwischen Magdeburg, Hildesheim und Erfurt) zur Deutschen Hanse bis 1477 und 1478, Halle a. S. 1901
(Stendal schloß sich um die Mitte des 15. Jahrh. dem niedersächsischen Städtebunde an).
Mit besonderem Eifer sind die unter 1 und 2 genannten Urkunden nach Stendal durchforscht worden. Darauf kam es ja vor allem an. Dem Magdeburger Staatsarchiv möchte ich auch an dieser Stelle dafür danken, daß es mir die Möglichkeit dazu freundlichst geboten hat.
Wenn Goetze a. a. O. S. 414 bemerkt: „Von den märkischen Städten hat keine einzige als Hansestadt eine hervorragende Rolle gespielt und füglich auch nicht spielen können", so ist das gewiß richtig, wenn man Stendals und der anderen märkischen Städte hansische Bedeutung mit der der großen Bundesstädte an der Nord- und Ostsee vergleicht; aber unter den märkischen Städten hat Stendal die größte Bedeutung gehabt und auch unter den anderen hansischen Binnenstädten hat es eine größere Bedeutung gehabt, als gemeinhin angenommen wird. Das wollen wir zu beweisen versuchen.