V. Die Folgen des Krieges.

Von den Leiden des dreißigjährigen Krieges war die Altmark wie kaum eine andere Gegend Deutschlands betroffen. Die Verluste an Menschen, Vieh und Gütern auch nur annähernd wiederzugeben, ist unmöglich. Doch lassen uns die in altmärkischen Schoßregistern, Stadtrechnungen und Kirchenbüchern zerstreuten Nachrichten einen Blick tun in die furchtbare Verwüstung des Landes.

Salzwedel hat vom 18. (28.) Oktober 1626 bis in den August 1631 an die dänische und kaiserliche Armee gezahlt 212226 Reichstaler. Die Gesamtausgaben während des Krieges lassen sich auf 750000 Taler schätzen. Die Neustadt zählte vor dem Kriege 432 Feuerstellen, davon waren 1670 wüst 145, bewohnt waren 287. Die Zahl der Hauswirte in der Alt- und Neustadt zusammen wird 1670 auf 550 berechnet. Stendal wurde während des ganzen Krieges weder erobert, noch geplündert und doch war die Bevölkerung und die Zahl der bewohnten Häuser auf ein Drittel des früheren Bestandes herabgesunken. In den Jahren 1600 bis 1609 waren 2980 Kinder geboren, in den Jahren 1660 bis 1669 nur 969. Die Zahl der Hauswirte wird 1670 auf 500 veranschlagt. Nach der Schoßmatrikel von 1567 zählte Stendal 1252, dürfte also beim Beginn des Krieges mindestens 1300 Wohnhäuser gehabt haben. Von den 579 Feuerstellen des Arneburger und Tangermünder Stadtviertels wurden 358 wüst; obwohl mit Anfang des 18. Jahrhunderts eine regere Bautätigkeit begann, zählte man 1718 doch noch 458 wüste Stellen in der Stadt. Die Kriegskosten lassen sich, da die Stadtrechnungen verloren gegangen sind, nicht berechnen, da aber schon in den Jahren 1626 und 1627 über 150000 Taler aufgebracht wurden, wird die von Götze angestellte Schätzung auf 8 bis 900000 Taler nicht zu hoch sein. Gardelegen hatte 1567: 483 Feuerstellen, 1634 noch 447, 1664 nur noch 151. Die Zahl der Bürger wird 1670 auf 250 geschätzt. Tangermünde hatte vor dem Kriege 623 bewohnte Bürgerhäuser, davon waren 1645 nur 228 bewohnbar und 1663 nur 273 bewohnt. Vor dem Kriege wurden jährlich durchschnittlich 139 Kinder, 1640 bis 1648 nur 60 geboren. Die Stadt war in der Kriegszeit vierzehnmal das Hauptquartier hervorragender Heerführer gewesen, siebenmal wurde sie erobert und einmal vollständig ausgeplündert. Da die Kämmereirechnungen nicht vollständig vorhanden sind und namentlich aus den schwersten Kriegsjahren fehlen, so lassen sich die Kriegskosten nicht angeben. Seehausen hatte 1567 410 Feuerstellen, 1653 nur noch 124. Eine Vorstadt von 39 Häusern war vollständig verschwunden. Im Jahre 1706 gab es noch 104 wüste Stellen. Vor dem Kriege wurden jährlich 75, nach dem Kriege nur 27 Kinder durchschnittlich geboren. Osterburg hat von allen altmärkischen Städten am schwersten gelitten, es wurde fünfmal vollständig geplündert und hat wiederholt wochenlang leer gestanden. Innerhalb 18 Jahre hatte es 392380 Taler aufbringen müssen. Von 300 Feuerstellen waren 1644 nur 44 und 1680 erst 61 bewohnt. In den Jahren 1642 und 1643 wurden nur je 8 Kinder geboren, in den späteren Jahren durchschnittlich je 14. Im Jahre 1644 wurde kein einziges Paar getraut. Werben hatte 1600 267 Feuerstellen, im Jahre 1638 waren vorhanden 105 bewohnte, 1654 nur 87 bewohnte Häuser und 1688 erst wieder 102. Im Jahre 1670 waren etwa 70 Hauswirte vorhanden. Den kleineren Städten war es nicht besser gegangen. Arneburg wurde dreimal, Bismark viermal geplündert, Calbe an der Milde war vollständig ruiniert. Nach der Schätzung von 1670 wurden auf Arneburg 120, Calbe 80, Bismark 50, Beetzendorf und Apenburg je 40 Hauswirte gerechnet.

Schwieriger ist die Schätzung der Verluste auf dem platten Lande. Nach der Mitteilung von Zeitgenossen war in den altmärkischen Dörfern kaum der zehnte Teil der früheren Bevölkerung vorhanden, im Jahre 1670 zählte man 485 Dörfer mit durchschnittlich 10 Hauswirten. Auf 2 bis 4 Meilen war oft kein Prediger zu finden und oft hatten 10 Dörfer nur einen Geistlichen. Die Jahrzehnte lang nicht bestellten Äcker waren von Gestrüpp und Gebüsch bewachsen und beherbergten eine Unzahl von Raubtieren. Die Wölfe waren so zahlreich geworden, daß sie in bewohnte Orte, selbst in Städte einbrachen und besondere Maßregeln der Behörden zu ihrer Vertilgung erforderten. Was die einzelnen Dörfer und Güter haben aufbringen müssen, entzieht sich jeder Berechnung, denn nur in den seltensten Fällen wurden die Kosten genau registriert. Das Amt Kloster Diesdorf hat vom 1. (11.) August 1637 bis dahin 1646 allein 38491 Reichstaler gezahlt. Zu den Kontributionen, Kriegssteuern aller Art kamen noch die regellosen Plünderungen. Der Junker Augustus von Bismarck-Schönhausen hatte elf Jahre in schwedischen Kriegsdiensten gestanden, darauf den Dienst quittiert und sich in Briest niedergelassen. Dort wurde er dreimal von sächsischen Truppen geplündert und büßte die 1500 Taler in Gold ein, die er aus dem Dienste mitgebracht hatte. Er ließ nun Briest im Stich und trat bei der brandenburgischen Armee ein. Am meisten dürften die Dörfer in der Umgegend von Tangermünde, Stendal, Osterburg und Werben gelitten haben. Schon im Jahre 1627 waren ungefähr 80 Dörfer der Landreitereien Polkau und Tangermünde nicht mehr im Stande, etwas aufzubringen, die übrigen 62 Dörfer waren noch von 366 Bauern bewohnt, welche Naturallieferungen leisten konnten. Ein großer Teil der Dörfer war im Laufe des Krieges niedergebrannt, sie sind jedoch sämtlich wieder aufgebaut, so daß die Annahme, die zahlreichen Wüstungen der Altmark rührten aus dem dreißigjährigen Kriege her, unbegründet ist. Hatten Bürger und Bauern unter den rohen Mißhandlungen der verwilderten Soldaten, welche mit unsäglichen Foltern Geld erpreßten, schwer zu leiden, so waren Beamte, Geistliche und Lehrer nicht minder schlimm daran, denn sie erhielten kein Gehalt mehr und mußten mit ihren Familien im wahren Sinne des Wortes hungern, auch waren sie trotz der häufig gegebenen Salveguardien nicht immer gegen Mißhandlungen geschützt.

Bei dem Niederbrennen und Einreißen der Gebäude wurden auch die Hospitäler, Kapellen und Kirchen nicht verschont. Vielfach wurden die Glocken weggeführt, meist um sie einzuschmelzen, es kam aber auch vor, daß sie an anderen Orten wieder verkauft wurden. Aus den Begräbnisstätten wurden metallene Särge entwendet und eingeschmolzen oder verkauft. Kostbarkeiten aus öffentlichem und privatem Besitz wurden geraubt, wobei manches herrliche Kunstwerk zu Grunde gegangen sein mag, auch Kirchengeräte, namentlich Abendmahlskelche, wurde entwendet. Am meisten reizte bares Geld. Viele Besitzer vergruben darum ihr Geld, es wurde jedoch in häufigen Fällen, weil infolge des Todes der Besitzer das Versteck unbekannt blieb, nicht gehoben, sodaß noch jetzt oft in der Altmark Münzfunde aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges gemacht werden.

Es liegt auf der Hand, daß durch die unsäglichen Leiden die bösen Leidenschaften des sonst so besonnenen altmärkischen Volksstammes geweckt wurden. Zu blutiger Selbsthülfe hatte sich das erbitterte Landvolk erhoben und die erlittenen Mißhandlungen mit gleichen Greueln vergolten. Auch als der Krieg beendet war, blieben noch immer die Bande der Ordnung gelöst. In den Städten hatte eine große Mißwirtschaft überhandgenommen, selbst die Mitglieder der Behörden suchten sich aus dem städtischen Besitz zu bereichern. Es bedurfte der ganzen Energie des Landesfürsten, um wieder geordnete Verhältnisse herzustellen. Aber es gelang!

Die Mark Brandenburg und besonders die Altmark war nach dem Kriege ein völlig verödetes, ausgebranntes Land. Wenn schon nach einem Vierteljahrhundert der große Kurfürst der schwedischen Großmacht erfolgreich die Spitze bieten konnte und wiederum nach einem Vierteljahrhundert sein Erbe durch die Annahme der preußischen Königswürde das Werk der Wiederherstellung des Staates krönen und den Weg ebnen konnte zur späteren Machtstellung Preußens, so muß uns diese Erkenntnis mit aufrichtiger Bewunderung der Herrschertugenden Friedrich Wilhelms und der Kraft des märkischen Volksstammes erfüllen.