II. Die Kaiserlichen in der Altmark. 1627—1631.
Nicht lange durfte sich die Altmark der Ruhe erfreuen, denn bereits in der Mitte des Monats Oktober trafen die Truppen des zu den Kaiserlichen übergetretenen Herzogs Georg von Braunschweig-Lüneburg ein. Am 17. (27.) Oktober 1626 wurde das Kloster Diesdorf vollständig ausgeplündert und am folgenden Tage besetzte der Oberst Cerboni von der Wallensteinschen Armee Salzwedel. Am 23. Oktober (2. 11.) hielt der Oberstleutnant Oswald von Bodendiek mit 10 Kompagnieen zu Fuß und 13 Kornet Reitern vor dem Tore von Tangermünde. Wein, Fische, Schinken und Würste mußten ihm herausgeschickt werden, seine Truppen wurden in der Umgegend einquartiert. Am 7. (17.) November schlug er sein Quartier in Stendal auf. Tangermünde wurde nur von einer Kompagnie des kaiserlichen Regimentes Colloredo unter dem Hauptmann von Rothkirchen besetzt, während der Herzog von Lüneburg das von den Brandenburgern geräumte Gardelegen am 9. (19.) November besetzte. Am 8. (18.) November rückte der Oberstleutnant Wolfgang Sigismund von Kroll mit 4 Kompagnien Lüneburgern in Tangermünde ein. Die Einlagerung dieser Truppen war für die Altmark um so drückender, als infolge der vorausgegangenen dänischen Invasion und der Mißernte eine Teuerung eingetreten war, der Scheffel Roggen galt 1 Taler 8 Gr. Die Stadt Tangermünde hatte bis zum Ende des Jahres an Kontribution und Servitien 8784 fl. 16 Schill. 4 Pfg. zu zahlen. Schlimmer war Osterburg daran, das seit dem 7. November mit 6 Kompagnien Fußvolk und 2400 Reitern belegt war, es soll der Stadt gegen 120 000 Taler gekostet haben. Am meisten aber hatte Stendal zu leiden; hier hauste Bodendiek, genannt der Goldigel, „denn er hat schrecklich viel Gold und Silber erpresset von der Stadt und dem Lande, und viel Schafe und Rindvieh verschlucket, wie nicht weniger Perlen und Geschmeide.“ Bodendiek blieb bis Anfang April 1627 in Stendal. Kriegerische Ereignisse fanden im Jahre 1626 in der Altmark nicht mehr statt, aber durch die ständige Einlagerung der kaiserlichen Truppen wurde das Land furchtbar ausgesogen, so berechnete z. B. Osterburg die Kosten vom 16. (26.) Oktober 1626 bis zum 1. (11.) Januar 1627 auf 170000 Taler.
Im Frühjahr 1627 verließen diese Truppen die Altmark und besetzten das Havelland. Als nun Ende April die Dänen den Dom Havelberg besetzt und von dort die Stadt in Brand geschossen hatten, beschloß Tilly, sie zu vertreiben. Er sammelte die Truppen bei Sandau, wo ein verschanztes Lager angelegt wurde. Die Bauern aus der Altmark wurden zu den Schanzarbeiten dorthin getrieben, auch die Städte mußten ihr Kontingent stellen, so hatte Stendal 40 Mann aufzubringen. Der Unterhalt für die Soldaten und Arbeiter wurde vielfach aus der Altmark bezogen, der Oberst Altringer requirierte in Tangermünde 383 Tonnen Bier, die kosteten 1021 fl. 8 Schill., und die Gefäße dazu, die man nicht zurück erhielt, 161 fl. 12 Schill. Stendal hatte angeblich 5000 Tonnen Bier dorthin liefern müssen. Es gelang Tilly nicht den Dom Havelberg, der von dem Oberst Schlammerdorf tapfer verteidigt wurde, zu nehmen, vielmehr mußte er sich nach einem Verluste von 4000 Mann zurückziehen. Erst am 3. (13.) August gaben die Dänen, da durch Tillys Übergang über die Elbe bei Boizenburg ihre Rückzugslinie bedroht war, die Stellung auf. Tilly blieb zunächst bei Lauenburg, beschloß aber in der Altmark Winterquartiere zu nehmen. Alle Versuche des Landeshauptmanns Thomas von dem Knesebeck, des Rates zu Stendal und anderer Behörden die Einquartierung abzuwenden, waren vergeblich.
Gardelegen wurde zuerst besetzt, am 5. (15.) Dezember 1627 durch den Pappenheimschen Hauptmann Steinkallenfels mit einer Kompagnie Fußvolk, am zweiten Weihnachtsfeiertage folgte eine zweite Kompagnie unter dem Hauptmann Lobad und am 12. (22.) Januar 1628 nachmittags 4 Uhr hielt Pappenheim selbst seinen Einzug. Die Bürgerschaft wurde zwar schwer bedrückt, aber der evangelische Gottesdienst nicht gestört. In der Mitte des Dezember wurde Stendal von 1300 Mann besetzt, denen ein großer Troß von Weibern, Kindern und allerlei Gesindel folgte. Da die Stadt, in der nur noch 623 Bürgerhäuser (gegen 1210 im Jahre 1564) bewohnt waren, die Verpflegungskosten nicht aufbringen konnte, so sollten die umliegenden Dörfer aushelfen, aber auch das war schwierig, denn viele Gehöfte waren niedergebrannt oder von den Bewohnern verlassen, in 62 Dörfern der Landreitereien Polkau (Stendal) und Tangermünde waren nur 366 Bauern noch leistungsfähig, die übrigen 80 Dörfer waren bereits soweit ruiniert, daß auf ihre Mitwirkung nicht gerechnet werden konnte. Als am 27. Dezember (6. 1.) noch drei Kornet Reiter vom Regiment Herberstorf und drei Kompagnien Fußvolk vom Regiment Pappenheim in Stendal einrückten, stellte sich die Unmöglichkeit heraus, sie in der Stadt unterzubringen. Daher blieb nur der Stab, die Mannschaften wurden in den Dörfern einquartiert. Die wöchentliche Kontribution für alle diese Truppen betrug 2548 Taler 7 Gr. 6 Pfg., außerdem erhielt Pappenheim selbst wöchentlich 100 Taler und der Tillysche Kriegskommissar Rogge bezog aus den drei Städten Stendal, Salzwedel und Gardelegen wöchentlich 50 Taler. Ferner verlangte man noch 18000 Taler von Stendal für die Zeit vom 1. (11.) Dezember bis zum wirklichen Einmarsch der Truppen. Der Oberstleutnant von Quatt, der Oberstwachtmeister Schrenk, ebenso wie der Kapitänleutnant von Montigny taten sich in der Bedrückung der Bürgerschaft unrühmlich hervor. Wiederholt hatte man sich an Tilly gewendet, dieser hatte auch strenge Befehle gegen die genannten Offiziere erlassen, diese aber, welche an Pappenheim selbst einen Rückhalt hatten, kümmerten sich nicht viel darum. Nach langen Verhandlungen einigte man sich dahin, daß die Stadt noch 6050 Taler zahlte. Endlich am 28. Mai (7. 6.) und 5. (15.) Juni 1628 zogen die Truppen bis auf eine Kompagnie Fußvolk unter dem Kapitänleutnant Metternich ab. Die Kontributionen hörten trotzdem nicht auf. Erst am 29. März (8. 4.) 1630 zogen die letzten Truppen ab.
Salzwedel war vom 5. (15.) Dezember 1627 bis zum 28. Januar (7. 2.) 1628 von dem Oberstleutnant Marchese de Gonzaga besetzt, was der Altstadt allein 79144 Tl. 7 Gr. 6 Pfg. gekostet hat.
In Gardelegen bezog Pappenheim 400 Taler wöchentlich. Im Jahre 1629 ließ er seine Gemahlin, eine Gräfin von Öttingen, dorthin kommen. Die Eckhäuser, welche sie bewohnten, wurden durch einen Gang, der die Straße überbrückte, verbunden. In der Magdeburger Straße vor seinen Fenstern ließ Pappenheim das Pflaster aufreißen und für die ritterlichen Spiele seiner Offiziere eine Rennbahn herrichten. Auch benutzte er die Zeit um lederne Kanonen, wie sie später im Heere Gustaf Adolfs vielfach verwendet wurden, herzustellen. Ferner ließ er große Kriegsmaschinen in Form von Rädern, die angeblich einen Umfang von 100 Ellen hatten, bauen, sie sollten wohl zu der bevorstehenden Belagerung von Magdeburg verwendet werden. Viele Leute aus den umliegenden Städten reisten nach Gardelegen, um die sonderbaren Maschinen zu sehen, über deren Gebrauch jedoch später nichts bekannt geworden ist.
Osterburg wurde am 1. (11.) Januar 1627 von dem Regimente des Obersten Hausmann besetzt, der erst nach 23 Wochen abzog; die Kosten dieser Einlagerung betrugen 17965 Taler. Am 1. (11.) November wurde die Stadt wieder von dem Stab und vier Kompagnien des Alt-Pappenheimischen Regiments unter dem Oberstwachmeister Golz besetzt, der bis zum 2. Advent 1628 blieb, die Stadt hat für ihn 29 871 Taler bezahlt. In demselben Jahre lagen auch Truppen des Generals Karpzow 13 Wochen in der Stadt und kosteten 60 000 Taler.
Tangermünde, welches nacheinander von kaiserlichen Truppen unter dem Oberst Kroll, Hauptmann Pohli, Kapitänleutnant Samuel Rudolf und Fähnrich Kaspar Schalke besetzt war, hatte im Jahre 1627 an Kriegskosten 24417 fl. 6 Schill. 8 Pfg. zu zahlen. Im nächsten Jahre gingen die Zahlungen weiter. Der Oberst Altringer legte der Stadt eine starke Kontribution auf. Da von der erschöpften Bürgerschaft weder Schoß noch Zinsen eingingen, reisten wiederholt Bürgermeister und Ratsherren nach Hamburg, Güstrow, Itzehoe und Bützow zu Altringer, auch die Einsprach des Herzogs von Friedland wurde angerufen, aber die Bitten blieben erfolglos. Die Stadt hatte 9406 fl. 17. Schill. Kosten. Im Jahre 1629 wiederholten sich die erfolglosen Reisen zu Altringer. Ende Juni, der Tag läßt sich nicht mehr genau bestimmen, traf Wallenstein selbst in Tangermünde ein. Einer alten Nachricht zufolge wohnte er im Hause der Patrizierfamilie Gansauge. Das jetzige Gebäude, Kirchstraße 47, ist jedoch erst später von Abraham Gansauge erbaut worden. Für des Generals Ankunft hatte der Rat einen Hirsch aus der Letzlinger Heide beschafft und der Kellermeister lieferte für 20 Gulden ein halbes Stück Wein. Für seine Person scheint Wallenstein nichts requiriert zu haben. Merkwürdiger Weise erwähnt der Chronist nichts von diesem Aufenthalte Wallensteins in Tangermünde. Auch läßt sich nicht mehr feststellen, wie lange er hier verweilt hat, vermutlich hat er die Stadt bald wieder verlassen und ist nach Mecklenburg zurückgekehrt. Da er am 24. Juli (3. 8.) in Güstrow eine Instruktion über das Münzwesen für seinen Statthalter Heinrich Custosz ausgestellt hat, kann er nicht schon am 23. (2. 8.) Juli in Wolmirstedt angekommen sein. Sicher aber befand er sich am 26. Juli (5. 8.) auf dem Wolmirstedter Schlosse, wo er mit den Magdeburgischen Deputierten wegen Besetzung der Stadt verhandelte, und am 30. Juli (9. 8.) zog er nach Halberstadt. Auf dieser Reihe von Güstrow nach Wolmirstedt hat er Tangermünde wieder berührt und zwar, wie die Kämmereiregister richtig sagen, am 25. Juli (4. 8.).
Infolge des kaiserlichen Restitutionsediktes sollten alle nach dem Passauer Vertrage von den Evangelischen eingezogenen geistlichen Stiftungen den Katholiken zurückgegeben werden. Auch in Tangermünde wurde der Versuch gemacht, das Dominikanerkloster in der Neustadt zurück zu gewinnen, doch wurde, nachdem der Rat einen Gesandten nach Berlin geschickt hatte, der Prior des Dominikanerordens aus Halberstadt, der zur Besitzergreifung gekommen war, „schlecht abgewiesen“. So blieb die Stadt in Besitz des seit der Reformation in ein Hospital verwandelten Klosters. Besondere Kontributionen wurden in diesem Jahre nicht erhoben, aber die städtischen Finanzen waren so erschöpft, daß man ein Kapital von 300 Gulden leihen mußte, um die Salarien der Bürgermeister und Ratsherren zahlen zu können.
Im Frühjahr 1630 zogen endlich die Pappenheimschen Truppen aus der Altmark weg, der Feldherr selbst verließ Gardelegen am Dienstag nach Ostern, den 30. März (9. 4.). Aber an demselben Tage traf der Oberst Holk mit seinem Regimente in Gardelegen ein. Die einzelnen Kompagnien wurden auf die wichtigsten Plätze der ganzen Altmark, welche die Kontribution aufzubringen hatte, verteilt. In Stendal dauerte die Einlagerung der Holkschen Truppen vom 14. (24.) April 1630 bis zum 23. März (2. 4.) 1631.
Auch Tangermünde hatte auf der Burg eine Besatzung unter dem Hauptmann Drachstädt, deren Hauptaufgabe darin bestand, den Elbstrom abzusperren und der Stadt Magdeburg die Zufuhr abzuschneiden. Nun sendeten die Magdeburger eine auserlesene Mannschaft unter dem Befehle eines Oberstleutnants gegen Tangermünde, das Schloß wurde berannt und die Besatzung gefangen genommen. Da man jedoch bei der großen Entfernung den vorgeschobenen Posten nicht halten wollte oder konnte, zog man die Truppen wieder zurück. Sofort wurde Tangermünde wieder von kaiserlichen Reitern besetzt, und weil man glaubte, daß die Magdeburger im Einverständnis mit den Tangermünder Bürgern gehandelt hätten, so wurde der regierende Bürgermeister David Freudemann mit einigen Bürgern unter übler Behandlung verhaftet und nach Stendal abgeführt, aber nach einigen Tagen wieder entlassen; zur Schlichtung der „Differentien“ kam eine besondere Kommission nach Tangermünde. Im folgenden Jahre 1631 war Tangermünde vom 2. (12.) Februar bis 23. März (2. 4.) und vom 30. März (9. 4.) bis 25. Mai (4. 6.) von Holkschen Truppen unter dem Oberstwachtmeister Florent de la Fosse und später unter dem Oberstleutnant Schuller besetzt. An Kontribution und Servis zahlte die Stadt 2594 fl. 12 Pfg. Da das Holksche Regiment zum größten Teile nach dem Lager vor Magdeburg ging, um an der Belagerung teil zu nehmen, so war die Altmark endlich von der Einlagerung befreit, aber fortwährend durchstreiften noch kaiserliche Heeresabteilungen das Land. Das geschah im verstärkten Maße, nachdem Magdeburg am 10. (20.) Mai gefallen war. Einzelne altmärkische Orte, darunter auch Werben, wurden von Truppen des Lichtensteinschen Regiments besetzt.
Die Einlagerung der kaiserlichen und ligistischen Truppen während dieses ganzen Zeitraumes seit dem Abzuge der Dänen hat der Altmark kaum geringeren Schaden gebracht, als wenn sie vorübergehend zum Kriegsschauplatze gedient hätte. Die fortlaufenden schweren Kontributionen hatten den Wohlstand der Bewohner von Stadt und Land bereits vollständig erschöpft aber schlimmeres stand noch bevor.