III. Gustav Adolf in der Altmark 1631.

Sobald die schwedischen Truppen das Havelland besetzt hatten, unternahmen der Generalleutnant Baudiß und die Obersten Graf von Ortenburg und Hall einen Streifzug durch die Altmark. In Werben lagen 300 Lichtensteiner. Nun setzten die Schweden am 13. (23.) Juni 1631 über die infolge anhaltender Trockenheit damals sehr seichte Elbe und überfielen Werben, wobei ein Oberstleutnant und ein Oberstwachtmeister gefangen genommen und die Stadt geplündert wurde. Baudiß und der Graf von Ortenburg hatten sich bei dem scharfen Gefechte und dem regellosen Plündern stark erhitzt, dann in der Elbe gebadet und „einen starken Trunk“ getan, infolge dessen beide schwer erkrankten. Baudiß genas, aber der Graf, den man nach Berlin gebracht hatte, starb. Die Schweden hielten jedoch Werben nicht länger besetzt, sondern gingen wieder über die Elbe zurück; in der sogenannten alten Schanze, einem Erdwall auf der Landspitze zwischen der Elbe und der Havel, ließen sie 160 Musketiere mit einigen Offizieren zurück, die jedoch am 18. (28.) Juni ebenfalls wieder abzogen. Schon am 19. (29.) Juni wurde Werben wieder von 80 Kroaten besetzt, welche am 21. (1 7.) durch 300 kaiserliche Musketiere abgelöst wurden, die bis zum 2. (12.) Juli blieben.

Unterdessen hatten die Schweden Havelberg genommen und Gustav Adolf war bei der Vorhut seiner Armee angekommen. Den größten Teil seines Fußvolkes unter Johann Baner ließ er zur Vollendung der Festungswerke der Altstadt Brandenburg zurück, er selbst brach am 28. (8. 7.) Juni mit 2000 Musketieren und der ganzen Reiterei gegen den Feind auf. Am 29. Juni (9. 7.) erreichte er Kloster Jerichow. Noch an demselben Tage wurde Burg genommen und der zwischen dieser Stadt und der Elbe stehende Pappenheim, der die schwedische Vorhut angegriffen hatte, nach einem hitzigen Gefechte auf Magdeburg zurückgeworfen. Verfolgende schwedische Reiter streiften bis an die Magdeburger Brücke. Im Abend des folgenden Tages ging eine kleine Abteilung über die Elbe, um das von 120 kaiserlichen besetzte Tanger-münde zu überrumpeln. Die Wache am Ufer bei den Schiffen wurde niedergehauen, aber die Stadt allarmiert, sodaß die Besatzung sich auf die Burg retten konnte. Gegen diese gingen nun die Schweden vor, doch der erste Sturm mißlang, da der schwedische Lieutenant, der die Angreifer befehligte, schwer verwundet wurde. Am 1. (11.) Juli aber gelang es, durch eine angehängte Petarde das Burgtor zu sprengen. Durch das Tor und gleichzeitig noch an zwei Orten brachen die Schweden ein. Von der Besatzung, die sich verzweifelt wehrte, wurde die Hälfte niedergemacht, der Rest ergab sich auf Gnade und Ungnade. Die Schweden verloren nur 5 Mann.

Am folgenden Tage ging Gustav Adolf selbst mit der Reiterei bei einer Furt am Weinberge unterhalb der Burg Tangermünde durch die Elbe. Nun wurden alle Kähne und Fähren auf der Elbe, soweit die Schweden den Strom beherrschten, zusammengebracht und auf der damit hergestellten Schiffbrücke bei Tangermünde das übrige Heer übergesetzt. Die Reiterei bezog ein Feldlager um die Stadt herum, wobei das fast reife Korn auf dem Felde verwüstet wurde. Gustav Adolf selbst schlug sein Hauptquartier im Schlosse Kaiser Karls IV. auf. Er ließ sich die Gefangenen vorstellen und gab ihnen Pardon, worauf mehrere in seine Dienste traten, dann besichtigte er die von dem dänischen General Fuchs um die Stadt angelegten, zum Teil bereits verfallenen Verschanzungen und ließ sie in aller Eile notdürftig wieder herstellen. Doch mochte er erkennen, daß die Befestigung zu einer längeren Verteidigung nicht geeignet sei, darum wendete er sich am 4. (14.) Juli nach Stendal, das am Tage vorher durch den Obersten Taupadel besetzt war, aber auch die Befestigung Stendals entsprach seinen Wünschen nicht. Nach ihrer Besichtigung soll er gesagt haben: „Die Alten haben es gut gemeint, aber ich müßte meine ganze Armee hineinlegen, wenn ich sie behaupten wollte.“ Von Stendal aus unternahm eine schwedische Abteilung einen Angriff auf das Schloß Angern, dessen Besatzung in der Nacht überfallen und niedergehauen wurde. Am 8. Juli (18.) hielt Gustav Adolf eine Heerschau auf dem Felde von Tangermünde nach Stendal zu ab. Seine Reiterei schweifte übrigens in diesen Tagen weit umher, so kam eine Abteilung bis vor die Tore von Gardelegen und trieb zwei Viehherden weg, ohne daß die kaiserliche Besatzung einen Versuch gemacht hätte, es zu verhindern. Bis zum 11. (21.) Juli behielt Gustav Adolf sein Hauptquartier in Tangermünde. An diesem Tage zog er, durch den von Brandenburg eingetroffenen Rest seiner Truppen verstärkt, über Arneburg nach Werben. Inzwischen hatte der schwedische General Baner von dem Dom Havelberg herab die noch von den Kaiserlichen besetzte Stadt angegriffen. Der Oberst Winkel ging mit seinem Volk durch die Havel und drang in die Stadt ein. Was in Gewehr angetroffen wurde, wurde niedergemacht, der Rest von 440 Mann, der sich auf den Kirchhof und den Glockenturm gerettet hatte, mußte sich ergeben.

In Werben angelangt, nahm Gustav Adolf in der Stadt Quartier und soll im Hause der Familie Goldbeck am Markte gewohnt haben. Für die Armee wurde unmittelbar vor dem Elbtore, zwischen dem Deich und dem Strome, auf der sogenannten Märsche, welche bei niedrigem Wasserstande ausreichenden Raum bietet, ein befestigtes Lager angelegt. Der Elbdeich selbst diente, mit Geschützen besetzt, als Hauptwall; um die Stadt, welche ebenfalls in die Befestigung eingeschlossen war, wurden Redouten und Batterien gebaut. Die außerhalb der Stadt liegenden Gebände, darunter auch das St. Georgshospital, wurden abgebrochen und die Gärten und Baumpflanzungen rasiert. Die beiden Elbufer verband die bei Tangermünde abgebrochene und nach Werben geschaffte Schiffbrücke. Die auf beiden Ufern fouragierenden Truppen empfingen Schutz durch vorgeschobene Reiterabteilungen, besonders gegen die in Dömitz liegenden Kaiserlichen. Auf dem linken Elbufer lagen die Reiter weithin zerstreut in den Ortschaften der Wische; leider kamen auch Exzesse vor, so wurde das Rittergut Falkenberg vollständig ausgeplündert.

Des Königs großer Gegner, Tilly, stand damals bei Mühlhausen in der Absicht, gegen den Landgrafen von Hessen zu ziehen, der die Aufforderung zur Unterwerfung „widerlich und spöttisch“ beantwortet hatte. Als er aber von Pappenheim das Vordringen Gustav Adolfs erfuhr, wendete er sich über Aschersleben nach Magdeburg, wo er am 15. (25.) Juli eintraf, am 17. (27.) rückte er nach Wolmirstedt vor. Von hier aus standen ihm zwei Wege in die Altmark offen, entweder rechts von dem Sumpfe Buktum und der Tangerniederung durch die Waldungen bei Weißewarthe auf Bölsdorf und Tangermünde, oder links zwischen dem Rande der Letzlinger Heide und der Tangerniederung über Angern und Burgstall auf Bellingen und Stendal. Tilly wählte den letzteren Weg und schob drei Pappenheimsche Reiterregimenter weit vor nach Angern, Sandbeiendorf und Burgstall. Da Gustav Adolf die Gewohnheit Tillys, seine Reiter weit vorauszuschieben, kannte, so beschloß er, einen Vorstoß zu unternehmen. Am 16. (26.) Juli sammelte er seine Reiter und Dragoner bei Arneburg und zog noch am Abend bis Bellingen. Hier übernachtete der König im Pfarrhause bei dem Ortspfarrer Jahn und schenkte bei seinem Abschiede eine kupferne Schüssel. Am folgenden Tage, Sonntags während des Gottesdienstes, an dem der König teilnahm, kam die Kunde, daß die Vorhut der feindlichen Reiterei heranrücke. Der König entsandte einen Major vom Leibregiment zur Rekognoszierung. Als dieser abends mit fünf Gefangenen zurückkehrte und meldete, der Feind stehe in zwei Meilen Entfernung zwischen Burgstall und Angern, brach der König auf. Vor Burgstall angekommen, teilte er seine Reiter in drei Haufen, einen dirigierte er auf Burgstall, den zweiten auf Angern, mit dem dritten drang er selbst zwischen beide Dörfer ein. Zuerst wurde Burgstall, wo das Regiment Montecuculi lag, überfallen. Was nicht fliehen konnte, wurde niedergehauen und die Bagage geplündert. Der König brach mit dem mittelsten Haufen auf Sandbeiendorf ein, wo das Bernsteinsche Regiment lag. Dieses war jedoch durch den Lärm des Gefechts von Burgstall her schon allarmiert und erwartete in zwei Schwadronen geteilt vor dem Dorfe den Feind. Als der König attackierte, lösten die Bernsteinschen ihre Pistolen und „machten damit eine caracolle“, als aber die Schweden gerade auf sie hineinsetzten, wichen sie in voller Flucht hinter dem Dorfe weg. Was nicht rasch beritten war, ließ Pferde und Bagage im Stich. Um seine Truppen vom Plündern abzuhalten, ließ der König das Dorf anzünden. In dem Treffen fiel ein junger Herr von Kolowrat, der unter dem Obersten Bernstein diente. Die finstere Nacht setzte der Verfolgung ein Ziel. Inzwischen war auch der dritte Trupp der Schweden unter Führung des Rheingrafen Otto Ludwig gegen das Regiment des Obersten von Holke, der das Dorf Angern hielt, vorgegangen. Als die Schweden in das Dorf eindrangen, fanden sie nur die Bagage darin. Das Regiment hatte, durch den Lärm von Burgstall her aufgescheucht, das Dorf verlassen und stand dahinter in Schlachtordnung. In einem heftigen, aber kurzen Gefechte wurden die Feinde zurückgeworfen, dabei wurden zwei Fähnlein erobert, das eine mit dem Bilde der Fortuna und dem Symbolum „Seid unverzagt“, das andere mit dem Bilde eines bloßen, von einer Schlange umwundenen Schwertes mit der Inschrift „his ducibus“. Der Rheingraf ließ ebenfalls, weil er durch Plünderung Unordnung befürchtete, das Dorf anzünden, doch wurde noch soviel Beute gemacht, daß die gemeinen Reiter an 2000 Dukaten und eine große Menge schöner Pferde gewannen. In diesem Gefecht hat sich der Junker Augustus von Bismark-Schönhausen, ein Ahnherr des Fürsten, der kurz vorher in das Regiment des Rheingrafen eingetreten war, die Sporen verdient. Ein anderer junger Kriegsheld, der Pfalzgraf Karl Ludwig von Lautereck, der ebenfalls in diesem Regimente diente, wurde tödlich verwundet. Nachdem er einen feindlichen Kornet heruntergeschossen hatte, wurde er selbst von zwei Kugeln getroffen. Nach Werben gebracht, ereilte ihn dort zu großer Betrübnis des Königs der Tod. Als seine Leiche nach Pommern abgeführt wurde, folgte Gustav Adolf mit den vornehmsten Offizieren von der Stadt durch das Lager bis zur Schiffbrücke; mit allen Geschützen im Lager, sowie von den Truppen, die mit im Gefecht gestanden hatten, wurde zweimal nach schwedischer Weise Salut geschossen.

Die Kaiserlichen waren im ganzen 24 Kompagnien stark gewesen, nämlich 10 vom Regimente von Holke, 6 vom Regimente des Grafen von Montecuculi, 6 vom Regimente von Bernstein und noch 2 von einem anderen Regimente. Der Verlust betrug 300 Tote und viele Gefangene. Die Bauern hatten bereits bei Ankunft der Tillyschen Truppen die Dörfer verlassen. Der Überfall würde kaum so gelungen sein, wenn nicht die Feinde so ermüdet gewesen wären, denn nach Aussage der Gefangenen hatten sie an dem Tage bereits einen Marsch von sechs bis sieben Meilen gemacht.

Nach dem Gefecht rekognoszierten die Schweden noch bis nahe vor Wolmirstadt, wo Tilly selbst lag. Der Finsternis wegen rief jedoch Gustav Adolf die Truppen zurück, zunächst zu kurzer Ruhe nach Bellingen und am anderen Morgen nach Stendal, wo er diesen Tag und die ganze folgende Nacht hindurch in Schlachtordnung den Feind erwartete. Dieser begnügte sich jedoch damit, die frühere Stellung bei den drei Dörfern, wo das Gefecht stattgefunden hatte, wieder einzunehmen.

Am 19. (29.) Juli traf der König wieder in Werben ein und ging, nachdem er die nötigsten Anordnungen getroffen hatte, nach Arneburg, wo sein Leibregiment zu Pferde lag. Tilly brach am 20. (30.) Juli mit seiner ganzen Armee auf; nachdem er im Felde nördlich von Wolmirstedt eine Truppenschau gehalten hatte, marschierte er am folgenden Tage auf Tangermünde, in voller Schlachtordnung, weil er jeden Augenblick einen Angriff der Schweden erwartete. Die große Hitze nötigte ihn jedoch, eine halbe Meile vor Tangermünde mit dem Gros der Armee Halt zu machen. Seine Avantgarde drang durch den Stadtbusch bis zur Stadt vor, welche bereits von den Schweden, die sich nach Arneburg zurückzogen, geräumt war. Nur zwei oder drei Reiter von ihnen, die noch mit dem Requirieren von Pferden sich aufgehalten hatten, wurden gefangen genommen. Noch an demselben Tage wurden die Kroaten, welche Tillys Avantgarde bildeten und über Tangermünde vorgegangen waren, von drei Abteilungen schwedischer Reiter angegriffen und auf die Stadt zurückgeworfen. Da ließ Tilly seine ganze Armee aufbrechen und nach Tangermünde marschieren. Der Generalfeldzeugmeister Freiherr von Schönberg ging nun mit einer starken Truppenmacht gegen die Schweden vor, die mit einem Verluste von fünf Reitern auf Arneburg zurückwichen. Inzwischen hatte Pappenheim das Tangermünder Schloß besetzt und mehrere Ratsherren unter dem Vorgeben, daß sie die Schweden begünstigt und in die Stadt aufgenommen hätten, verhaften lassen. Als aber Tilly in die Stadt kam und ebenfalls auf dem Schlosse Quartier nahm, ließ er die Gefangenen sofort frei, versprach auch der Stadt seinen Schutz vor Plünderung und hat sein Versprechen redlich gehalten. Am 22. (1. 8.) Juli bezog die Hälfte der Tillyschen Armee oberhalb Tangermünde bei den Windmühlen ein Feldlager, die andere unterhalb an der Elbe und die Reiterei in einem dabei liegenden Walde. In den nächsten Tagen standen die kaiserlichen und schwedischen Vorposten hart aneinander. Täglich fanden bis zum 25. Juli (4. 8.) kleine Gefechte statt. An diesem Tage wurde Osterburg von den Schweden genommen und derartig ausgeplündert, daß sich sechs Wochen lang kein Bürger darin sehen ließ. Der Verlust an Vieh und Getreide allein wurde auf 16440 Taler berechnet. Auch auf den umliegenden Dörfern kamen Plünderungen vor, bei denen man nicht einmal die Kirchen verschonte, wie aus den Kirchenrechnungsbüchern von Walsleben und Calberwisch nachgewiesen ist. An demselben Tage brach auch Tilly mit seiner ganzen Armee von Tangermünde auf und marschierte in Schlachtordnung auf Arneburg. Die Schweden gaben diesen Platz auf und gingen fechtend auf Werben zurück. Ihre Verluste an Mannschaften waren nicht groß, aber sie verloren einen tapferen Offizier: der Oberstleutnant Johann Lilie Starr, dessen Pferd erschossen war, fiel verwundet in die Hände der Kaiserlichen. Am nächsten Tage rückte Tilly bis vor Werben unter beständigen Gefechten, namentlich litt seine Reiterei von den schwedischen Musketieren, welche aus dem Buschwerk und den Hecken, in denen sie sich versteckt hatten, ein scharfes Feuer unterhielten. Am 27. Juli (6. 8.) rückte Tilly, während Gustav Adolf seine sämtlichen Truppen in die Werbener Befestigungen zurückzog, mit der ganzen Armee noch näher an die Stadt und stellte sie mit breiter Front in Schlachtordnung auf. Aber vor einem allgemeinen Sturmangriff auf die außerordentlich feste Stellung scheute er zurück. Er ließ nur das Lager der Stadt und besonders den Turm der St. Johanniskirche beschießen. Noch heute sind die Spuren der Kanonade in der Stadt zu sehen. Gegen Abend zog er die Geschütze wieder zurück und lagerte sich vor der Stadt. In früher Morgenstunde des folgenden Tages brach die schwedische Reiterei aus dem Lager und jagte die Kroatenwache Hals über Kopf zurück. Dadurch wurde das Tillysche Herr allarmiert und die Reiterei kam den Kroaten zu Hilfe. Es entspann sich ein hitziges Gefecht, in welchem auf beiden Seiten an 150 Mann fielen. Tilly hatte den Seinigen befohlen, kein Quartier zu geben. Schließlich brachen die Schweden das Gefecht ab und zogen sich in guter Ordnung zurück. Die gefallenen Kaiserlichen, darunter der Rittmeister der Kroatenwache wurden in das Tillysche Lager gebracht, die gefallenen Schweden, nachdem sie ihrer Sachen und Kleider beraubt waren, auf dem Platze begraben. In dem Gefecht tat sich besonders der tollkühne Oberst von Baudiß hervor, er stieß einem kaiserlichen Offizier den Pallasch in den Leib, daß die Klinge darin sitzen blieb und er nur das Gefäß und einen spannelangen Stumpf in der Hand behielt. Ein Sporenrad und ein Stück vom Sattel wurde ihm weggeschossen und sein Pferd von einer Kugel getroffen. Er wäre auch gefangen genommen, denn schon hatten zwei Feinde ihn am Kragen gepackt, wenn nicht sein Aufwärter, ein Junker von Wildenstein ihm zuhilfe gekommen und den einen niedergestoßen hätte, von dem andern riß er sich los. Auch der Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar, der kurz vorher in schwedische Dienste getreten war, kam schwer ins Gedränge, ein Pferd wurde ihm erschossen, das zweite verwundet. „Weil nun diese beiden unkommandiert und nur aus übriger Kourage in solche meslée gekommen, hat es beim Könige nachmals nichts mehr, als lauter Filtze davor abgegeben.“ Der König wollte eben nicht, daß seine besten Offiziere sich bei einem solchen untergeordneten und zweifelhaften Unternehmen preisgeben sollten, er bedurfte ihrer für die unzweifelhaft bevorstehenden entscheidenden Schlachten.

Tilly mußte sich entschließen, sein Unternehmen aufzugeben. In dem Jahre lang ausgezogenen Lande waren seine Vorräte aufgetrieben, die umliegenden Dörfer waren von den Schweden völlig ausgeräumt, das neue Getreide war gedroschen und in Werben aufgespeichert. Auch schweiften die schwedischen Reiter weit umher und schnitten den Feinden alle Zufuhr ab. So setzten sie oberhalb Tangermünde über die Elbe, nahmen die Marketender- und Offizierwagen weg und führten sie mit über die Elbe. Über 30 000 Brote, welche die kaiserlichen Kommissare von Halberstadt, Magdeburg und anderen Orten her nach Tangermünde gebracht hatten, aber wegen der schwedischen Streifkorps nicht weiter schaffen konnten, verdarben bei der großen Hitze, sodaß sie weder Menschen noch Vieh genießen konnten. Die hungernde Armee konnte den wohlgenährten Schweden nicht mehr Trotz bieten, so brach denn Tilly am 29. Juli (8. 8.) früh von Werben auf und marschierte nach Arneburg. Seine besten Regimenter sollten den Rückzug decken. Erst am Nachmittag, als die Armee in langen Kolonnen auf dem Marsche war, brachen die Schweden aus Werben vor und am Abend auf die Nachhut ein, wobei sie viele Gefangene und Pferde nahmen. Am folgenden Tage, Sonnabends gegen Abend, kam Tilly, von den hart andrängenden Schweden verfolgt, in Tangermünde an. Hier sammelte er seine ganze Armee. Nicht bloß das Schloß und die Stadt waren mit Einquartierung belegt, sondern auch auf dem Anger an der Elbe und im Stadtbusch bezogen die Truppen ein Feldlager. Tilly selbst hatte sich inmitten desselben ein schönes großes Gezelt aufschlagen lassen und hielt mit allen höheren Offizieren, die wie auch Pappenheim ihre Quartiere in der Stadt genommen hatten, einen Kriegsrat. Bei dieser Gelegenheit soll nach Ritners Mitteilung ein Sturm das Generalzelt umgeworfen und viele Soldatenzelte in die Elbe geweht haben. Man hielt dies für ein böses Omen, „etliche aber, als Verächter der Zeichen Gottes, durften ungescheut sagen: das haben die Lapländer und Finnen, die Zauberer, die beim Könige seyn, gemacht, was wolte der König gegen uns ausrichten? Wir wollen ihn auf die See jagen.“

Auf Böcken und kleinen Schiffen hatte Tilly auch eine Brücke über die Elbe geschlagen und ließ seine Reiter überall umherschweifen. Aber seine Lage wurde mit jedem Tage schwieriger, sechs bis sieben Meilen weit mußte er fouragieren lassen unter beständigen Gefechten, in denen die größeren Verluste auf seiner Seite waren. Gustav Adolf dagegen bezog von jenseit der Havel sicher und ungefährdet den nötigen Proviant. Schließlich gab Tilly die Altmark auf. Am 11. (21.) August verließ er Tangermünde, nachdem er die zerstreut liegenden Truppenteile an sich gezogen hatte, selbst Gardelegen wurde aufgegeben. Nur in dem festen Alvenslebenschen Schlosse Calbe blieb eine Besatzung von 200 Mann zurück, welche sich erst, als nach dem Siege Baners bei Wanzleben ihre Stellung vollständig abgeschnitten war, am 21. November (1. 12.) den Schweden ergab. Am 12. (22.) August abends kam Tilly bei Wolmirstedt an, das Fußvolk lag dicht bei der Stadt, die Reiterei auf den umliegenden Dörfern. Interessant ist das Schreiben, welches Pappenheim mit verhaltener Wut von Wolmirstedt aus an die kurfürstlichen Kommissare richtete: „er habe aus guten gegen der armen alten Mark tragenden affectionen die Garnisonen aus Stendal und Gardelegen dem General Tilly zugeführt, damit das Land nicht ganz ruiniert würde. Sie sollten sich aber bei dem Kurfürsten dahin verwenden, daß diese und andere Örter nicht wieder von dem Schwedenkönige okkupiert würden, sonst würde die kaiserliche Armee nach ihrer Verbindung mit dem italienischen Volke den Kriegsschauplatz wieder dahin verlegen und das Land aufs neue in total Ruin und jämmerlich Verderben gesetzt werden.“ Von Wolmirstedt zog Tilly nach Eisleben, wo er sich mit den italienischen Truppen des Grafen von Fürstenberg verband und nun über Halle in Sachsen einbrach. Am 3. (13.) September sammelte er seine Armee vor dem Halleschen Tore von Leipzig.

Inzwischen hatte Gustav Adolf den Bau der berühmten Werbener Schanze vollendet, sie war mit dreifachem Palisadenreihen, Redouten und Batterien versehen, so daß die Elbe, wie die Havel bestrichen werden konnte; vermittelst eines Durchstichs der schmalen Landspitze zwischen beiden Flüssen konnte die ganze Umgebung der Schanze unter Wasser gesetzt werden. Nachdem Gustav Adolf noch am 12. (22.) August einen Bundesvertrag mit dem Landgrafen Wilhelm von Hessen abgeschlossen hatte, verließ er Werben. In der Schanze blieb der Oberst Bose mit einem Regimente zurück. Der Unterhalt für diese Truppen wurde durch Kontributionen von den Altmärkern aufgebracht. Gustav Adolf zog auf dem rechten Elbufer nach Süden. Am 3. (13.) September überschritt er mit 13000 Mann zu Fuß und 8850 zu Pferde die Elbe bei Wittenberg und vereinigte sich am folgenden Tage bei Düben mit den Sachsen. Am 7. (17.) September schlug er seinen Gegner bei Breitenfeld.

Man hat wegen der in der Altmark durch die Schweden vorgenommenen Plünderungen schwere Vorwürfe gegen den König erhoben, aber sie ließen sich, wenn er seinen Plan durchführen wollte, kaum vermeiden. Die Altmark war durch die vorausgegangene Besetzung durch die kaiserlichen Truppen vollständig ausgesogen und Lebensmittel waren nicht zu beschaffen, da die Erntevorräte des vorigen Jahres völlig aufgezehrt waren. Nun war allerdings die Erntezeit gekommen und die Landbevölkerung beschäftigt, in banger Furcht vor den kommenden Ereignissen, die Getreideernte schleunigst einzubringen. Die Schweden nahmen aber sämtliche Vorräte in der ganzen Umgebung weg und brachten sie nach Werben, damit Tilly nichts vorfände zum Unterhalte seiner Truppen. Daß es bei diesen Requisitionen der Bevölkerung gegenüber, die sich ihres Unterhaltes für den kommenden Winter beraubt sah, wiederholt zu Ausschreitungen kam, ist erklärlich. Bei derartigen Requisitionen kamen selbst bei den besten Truppen Gewalttätigkeiten vor und das Privateigentum war nach damaligem Kriegsgebrauch fast schutzlos. Gustav Adolf hat seine Absicht erreicht: während er wohl verproviantiert in starker Stellung stand, mußte Tilly mit seinen hungernden Truppen abziehen. Es ereignete sich hier der in der Kriegsgeschichte seltenere Fall, daß der Belagerer von dem Belagerten ausgehungert wurde.